Monkey Island

Von einem, der auszog die Heldin zu retten.

© LucasArts, The Secret of Monkey Island: Special Edition, 2009.

Ich möchte Euch heute mitnehmen auf eine abenteuerliche Seefahrt und Euch in die metaphorischen Tiefen eines Ozeans tauchen lassen, der da heißet: Monkey Island!
Lest selbst, weshalb die 90er mehr konnten als Barbie1 und „Boys Toys“.

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Entführung, Femizide

Das Kult-Adventure  Monkey Island wurde zu Beginn der 1990er Jahre vom Studio Lucasfilm Games (später nur noch LucasArts) veröffentlicht und füllt eine fünfteilige Spielreihe.

Ich habe mich für diesen Artikel dazu entschieden, die letzten beiden Teile der Reihe nicht mit einzubeziehen, weil sie einerseits für mich nicht so richtig dazugehören wollen und andererseits der Umfang dieses Beitrags auch erreicht war. Wenn Euch die letzten beiden Teile jedoch weiterhin interessieren, schreibt ein Kommentar und ich versuche Escape from Monkey Island und Tales of Monkey Island zu analysieren.  2009 und 2010  wurden die ersten beiden Teile noch einmal als Special Editions neuveröffentlicht.

Durch die Augen des Möchtegern-Piraten Guybrush Threepwood erleben wir in Monkey Island Rätselabenteuer in der Karibik und müssen uns gegen den Geisterpiraten LeChuck beweisen. Eben jener raubt Guybrush im ersten Teil nämlich sein „Mädchen“, was die Handlung des ersten Spiels scheinbar einem Erzählmuster unterwirft, dass nicht nur schon ewig existiert, sondern auch  so ungenießbar ist, wie ein alter Schuh: die Jungfrau in Nöten. Bei dieser Art von Handlungsmotivation muss ein Held eine (Jung)Frau aus den Händen eines (männlichen) Bösewichts erretten. Der Protagonist bestimmt das Geschehen seiner Reise, auf der er reift und lernt, aktiv und selbstständig. Währenddessen sitzt die „Damsel in Distress“ in der Regel rum und wartet auf Errettung.

Doch Monkey Island lädt zur Überraschung ein, indem es den Spieler_innen eine Figur bietet, die dieses öde Muster durchbricht und für die frühe Zeit der Spieleentwicklung2 einen recht fortschrittlichen Weg beschreitet: Elaine Marley.

© LucasArts, The Curse of Monkey Island, 1997.

The Secret of Monkey Island

Es folgen Spoiler

Der erste Teil der Reihe The Secret of Monkey Island beginnt mit der Einführung von Guybrush Threepwood, angehendem Jungpiraten auf der Suche nach Abenteuern. Nach einigen neuen Bekanntschaften muss Guybrush sich aufmachen, drei Aufgaben zu erledigen, um in den Riegen der Piraten aufgenommen zu werden. Die Gestaltung der Spielwelt, der Rätsel und der Charaktere ist dabei nicht nur besonders kreativ und fantasievoll, sondern auch einfach verdammt lustig. Ab Mitte des ersten Kapitels trifft Guybrush auf seine zukünftige Geliebte und Objekt der Begierde Elaine Marley, Gouverneurin der Insel Mêlée Island. Nach einem kurzen Kennenlernen fängt das Klischee der Jungfrau in Nöten an sich zu entwickeln, da Elaine von dem Geisterpiraten LeChuck entführt wird.

Eingeführt wird Elaine nicht als klassische Prinzessin, die gerettet werden muss, sondern als Politikerin der Insel, die nach einem Einbruch in ihr Haus Interesse an Guybrush entwickelt. Nachdem Guybrush von dem Sheriff in „Davy Jones Locker“ verfrachtet wird, kommt Elaine ihm, wenn auch zu spät, zur Rettung geeilt und macht ihr Interesse an ihm recht deutlich.

Um Elaines Rolle als „Jungfrau Widerwillen“ etwas besser beleuchten zu können, habe ich auf die Videoreihe „Tropes vs. Woman. The Damsel in Distress“ der online und offline Feministin Anita Sarkeesian zurückgegriffen. Sie spricht mit ihren Analysen nicht nur grundsätzliche Problematiken in Erzählungen, spezifisch in Videospielen, an, sondern bietet uns auch gute Gegenbeispiele zu Elaines Charaktergestaltung.

Sarkeesian stellt für die „Jungfrau in Nöten“ fest, dass die werten Damen in den meisten Fällen Opfer einer Entführung werden und ihre Rettung die grundlegende Motivation für den männlichen Spielcharakter darstellen. Die Jungfrau gerät dabei in der Regel in die passive Opferrolle, die keine Entscheidungen trifft oder eigenständige Handlungen ausführt. Sie bleibt das Objekt der Handlung eines Anderen – des Helden. Elaine jedoch ist in meinen Augen im Verlauf des Spieles Monkey Island 1 (und auch Teil 2) immer Subjekt ihrer eigenen Handlung, auch wenn sie für Guybrush eine Motivation verkörpert.

Eine weitere klassische Trope ist, dass Elaine nicht nur vom Bösewicht entführt wird, sondern dieser sie auch noch gegen ihren Willen heiraten möchte. Doch Elaine fügt sich nicht in ihre Rolle der hilflos Wartenden. Während die Spieler_innen mit Guybrush Rätsel knacken, um auf der Suche nach der Herzensdame voranzukommen, beschäftigt diese sich mit ihrer eigenen Befreiung. Am Ende des Spiels hat Elaine sich nicht nur selbst gerettet, Guybrush versaut ihr zudem ihren Plan und kassiert dafür von LeChuck eine Tracht Prügel, bevor er die Rolle des Helden3 einnehmen kann und LeChuck besiegt. Ohne Guybrushs Auftauchen wäre die Geschichte um Elaine und ihren Entführer LeChuck jedoch genauso erfolgreich ausgegangen. Elaine und Guybrush könnten theoretisch nebeneinander existieren, denn sowohl Guybrush als auch Elaine wirken als Subjekte ihrer eigenen Handlung. Während die klassische Jungfrau bloß Objekt der Handlung um den Helden ist, ist Elaine aktiv.  Sie ist den Spieler_innen im Verlauf der Spielzeit nur nicht immer präsent, da die Perspektive der Geschichte auf Guybrushs Reise liegt.

Sarkeesian beschreibt die Figur des männlichen Protagonisten im Gegensatz zur „Damsel in Distress“ als typischen Helden einer Reise, der durchaus auch in die Fänge seiner Gegner geraten kann. Der Held jedoch kann sich aus Problemsituationen allein befreien. Sarkeesian sagt dazu:

In these situations, the characters relies on their intelligence, cunning, and skill to engineer their own escape.4

Diese Eigenschaften können wir auch bei Elaine entdecken, sie sich – wie bereits erwähnt – auch locker allein aus LeCucks Gefangenschaft befreit. Dazu kommt noch ihr politisches Vitamin B, da sie als Gouverneurin die meisten von LeChucks Geisterpaten kennt und auf ihre Seite ziehen kann. Ich habe noch nicht sehr oft weibliche Charaktere in Spielen getroffen, die aufgrund ihrer Karriere und ihrer sozialen Vernetzung Vorteile hatten, die anderen Figuren verwehrt blieben.

Wir finden in The Secret of Monkey Island also eine zentrale Frauenfigur vor, die aktiv ihr eigenes Schicksal gestaltet und Konflikte ohne männliche Hilfe überwinden kann, ohne sich dabei zur eigenständigen Protagonistin oder gar Antagonistin des männlichen Helden zu entwickeln.

Monkey Island 2: LeChucks Revenge

Wie sieht es nun mit der Fortsetzung der Reihe aus, die bereits ein Jahr später herausgegeben wurde?

Die Geschichte beginnt auf Scabb Island, wo Guybrush als nicht ganz so mächtiger und heldenhafter Pirat eingeführt wird, wie er sich selbst darstellt. Er langweilt seine Zuhörer mit seiner eigenen Version von LeChucks Vernichtung und baumelt nach einigen Metern kopfüber von einer Brücke, während er von seinem neuen Gegenspieler Largo LaGrande ausgeraubt wird. Auf seiner Suche nach dem Schatz von Big Whoop befreit Guybrush auch die Insel von LaGrands Schreckensherrschaft, verliert jedoch gleichzeitig ein wichtiges Artefakt, da er – sagen wir es ruhig – die Klappe nicht halten konnte und etwas prahlen musste. Dies ermöglicht LaGrande, der zu allem Übel in der Vergangenheit für LeChuck gearbeitet hat, den Geisterpiraten wiederauferstehen zu lassen, nun also als Zombiepirat. Nur das Versteck des Schatzes Big Whoop kann Guybrush jetzt noch helfen. Auf seiner Suche trifft er wieder auf Elaine.
Elaine hat sich von ihm getrennt und bezeichnet die Beziehung als Fehler, verfällt ihm jedoch auf ihrer eigenen Party wieder. Ich erahne, dass Guybrushs Prahlerei, um den Tod LeChucks ein bisschen was zu tun haben, mit Elaines Trennung. Ich finde es gut, dass sie eine aktive Rolle in der Beziehung zugeschrieben bekommt und ihre eigenen Entscheidungen trifft, die Beziehung zu beenden. Elaine ist zudem immer noch Gouverneurin, dieses Mal jedoch von der Insel Booty Island. Captain Dread beschreibt sie als „[…] one of the most respected and loved governors around […]“

Am Ende der Story ist es wieder Elaine, die Guybrush retten muss, der erst einen tiefen Sturz überlebt und sich dann in der Voodoo-Gewalt LeChucks befindet. Man könnte hier von einem umgedrehten „Jungfrau in Nöten“-Klischee sprechen, doch wie Sarkeesian in ihrem dritten Video beschreibt, ist ein Mann in Nöten noch kein geschlechtlich basiertes Klischee einer Erzählung, da seine hilflose Situation nicht auf sexistische Vorurteile – Frauen seien schwach und hilflos und Männer haben stark zu sein – zurückzuführen ist. Guybrush ist also nicht in Not, weil er ein Mann ist, sondern obwohl er ein Mann ist. Elaine schafft es jedoch am Ende nicht Guybrush zu retten.

Die Zahl der männlichen NPCs überwiegt, wie bereits im ersten Teil der Reihe, immer noch. Dennoch fällt auf, dass Events, wie ein Spuckwettbewerb, nicht nur mit Männern dekoriert sind und das NPCs, wie die stahlharte (so beschreibt sie der Barkeeper auf Scabb Island) Captain Kate Capsize oder die weibliche Wache vor Elaines Anwesen auf Booty Island sich nicht nur durch ihre Geschlechterzugehörigkeit hervortun. Viele NPCs sind rein theoretisch in Bezug auf ihre Geschlechtszugehörigkeit austauschbar oder einfach nicht über ihr Geschlecht, sondern ihre Funktion und ihren Charakter definiert.

Links: Captaine Kate Capsize. Rechts: Der Spuckwettbewerb.
© LucasArts, Monkey Island: LeChucks Revenge Special Edition, 2010.

Der zweite Teil hat sich also grundsätzlich nicht weit entfernt vom Vorgänger, was Elaines hervorragenden Charakter und eine gewisse Diversität anbelangt.

Monkey Island 3: The Curse of Monkey Island

Um so trauriger hat mich das erneute Spielen des dritten Teils The Curse of Monkey Island gemacht. Dem Spiel kommt ein besonderer Platz in meinem Herzen zu, war es doch das erste Monkey Island, dass ich als Kind spielen konnte und damit eins der ersten Spiele überhaupt. Das Spiel wurde im Jahr 1997 veröffentlicht und das erste Mal ohne das Zutun des Schöpfers und Entwicklers der Monkey Island Saga Ron Gilbert gestaltet.

So sehr ich emotional an der Spielerfahrung des dritten Teils hänge, Elaine kommt in diesem Teil nicht gut weg. Sie wird im ersten Kapitel des Spieles durch einen verfluchten Diamantring in eine Goldstatue verwandelt und darf von da an auf ihre Rettung durch den Helden warten. Dazu kommt, dass sie sich wenige Minuten zuvor mit Guybrush verlobt hat, was sie noch deutlicher zu seinem Besitz abstempelt und viele Punkte des „Jungfrau in Nöte“-Klischees bedient.

Die Rettung von Elaine wird erneut die Motivation für Guybrushs eigenen Reise und Handlung, doch im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen wurde Elaine ihrer aktiven Rolle als Subjekt beraubt.
Nachdem Elaine aus ihrer goldenen Versteinerung befreit wurde, wird sie von LeChuck gleich wieder entführt und mit dem Tod bedroht. Auch das verweist auf einen sehr fiesen Aspekt des „Jungfrau in Nöten“-Klischees, besonders in Videospielen. Sarkeesian weist in ihrem zweiten Video darauf hin, dass die „Damsel in Distress“ nicht selten am Ende sterben muss, um der Handlung des männlichen Protagonisten einen negativen Beigeschmack zu verleihen.

Links: LeChucks Denken über sein Anrecht an Elaine. Rechts: Elaines und Guybrushes Hochzeit.
© LucasArts, The Curse of Monkey Island, 1997.

LeChuck tritt in seiner Rolle als Antagonist dabei als typische, in der Regel männliche, Figur auf, die davon überzeugt ist Anrecht auf jemanden oder etwas zu haben. Bedenken wir dabei die hohen Zahlen an Gewalttaten gegenüber Frauen und Frauenmorden5, vergeht mir persönlich das Lachen bei dieser Parodie. Am Schluss wird zwar angedeutet, dass Elaine die Flucht selber gelingen konnte, dieser Tatsache wird jedoch keine Aufmerksamkeit geschenkt und nachdem LeChuck von Guybrush unter einem Eisberg begraben wurde, wird uns als Nächstes das Bild einer glücklichen Elaine bei ihrer Hochzeit mit Guybrush gezeigt.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen tauchen neben der Voodoo-Lady, der Wahrsagerin Madame Xima und der Geisterbraut, keine weiblichen NPCs mehr auf. Alle drei verkörpern typisch weibliche Figuren, wobei die Braut aus der Gruft noch einen drauf setzt, ist sie doch an gebrochenem Herzen gestorben, nachdem sie am Altar stehen gelassen wurde. Warum das in meinen Augen ein blödes Klischee ist? Weil sich eines Erzählmuster bedient wird, welches das bürgerliche (und damit meine ich das Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts) Frauenideal bekräftigt, nachdem Frauen den Sinn ihres Lebens in Liebe und Ehe finden würden. Auch die versteinerte Elaine findet am Ende ihr Schicksal in der Ehe mit Guybrush, wie es sich für eine hübsche Heldengeschichte gehört.

Insgesamt hat der dritte Teil der Reihe damit für mich stark abgebaut, auch wenn das Gameplay und die Lore genauso viel Spaß gemacht haben und die Grafik mir persönlich besser gefällt. Doch die Charakterentwicklung von Elaine, für mich die eigentliche Heldin der Reihe, sowie ein genereller Blick auf die Frauenfiguren hat mich enttäuscht.

Fassen wir noch einmal zusammen: Monkey Island 1 und 2 bieten den Spieler_innen, neben einer Menge Spielspaß, eine zentrale weibliche Figur, die sich scheinbar in ein altbekanntes Rollenklischee der Erzählung begibt, sich aus diesem jedoch eigenmächtig und – seien wir ehrlich – praktisch federleicht selbstständig befreit. Wir treffen auf eine Frauenfigur, die sich politisch durch ihren angemessenen und professionellen Führungsstil Respekt verdient und ihren Gegner LeChuck ohne fremde, männliche Hilfe besiegt. Gleichzeitig wird sie jedoch auch nicht zur „Frau im Männergewand“, indem ihr jegliche weiblichen Rollenklischees einfach abgenommen und durch männliche ersetzt werden.

Elaine ist in meinen Augen ein vorbildhafter Charakter für jede Storyentwicklung und ich bin sehr dankbar, diese einprägsame Figur in meiner Kindheit und heute erneut begleitet zu haben.

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1 Zu Beginn der 1990er Jahre wurde versucht, den Spielemarkt  für die Zielgruppe der Frauen zu öffnen, und zwar mit dem Erfolgsspiel „Barbie Fashion Designer“. Vgl.: Sabine Hahn (2017), Gender und Gaming. Frauen im Fokus der Games-Industrie, S. 74-75.

2 Siehe Anm. 1

3 Ich bezeichne Guybrush in diesem Artikel immer wieder als Helden, da ich ihn in dieser Funktion als Gegenpart zu Elaine sehe. Allerdings ist Guybrush kein typischer Held, wie man ihn in der Theorie definiert, da er permanent Fehler macht und sich weniger durch seine Heldenhaftigkeit, als vielmehr durch seine Menschlichkeit auszeichnet.

4 Anita Sarkeesian (2013): „Damsel in Distress: Part 1 – Tropes vs Women in Video Games“, https://www.youtube.com/watch?v=X6p5AZp7r_Q&t=11s

5 Vgl.: Franziskar Spiecker (2019): „Familiendrama“ statt „Frauenmord“: Medien und Gewalt an Frauen, https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/familiendrama-statt-frauenmord-medien-und-gewalt-an-frauen,RZzFuLy