Gamescom 2018: Vielfalt oder leere Worte?

© Gamescom, Kölnmesse 2018.

Die Gamescom fand dieses Jahr zum 10. Mal in Köln statt. Das diesjährige Motto lautete „Vielfalt gewinnt“. Ob dieses Ziel erreicht wurde, wo immer noch Sexismus anzutreffen sei, wie es um Frauen in der Gamingbranche steht und was Battlefield V damit zu tun hat, erfahrt Ihr im folgenden Artikel. 

Anstatt nun doch mit einem Game-Review zu starten wie geplant, funkt mir doch tatsächlich die Gamescom dazwischen. Für alle, denen dieses Mega-Event so spontan nichts sagt, fasse ich mal kurz zusammen: Die Gamescom findet seit 10 Jahren in Köln statt und gilt als die größte Gaming-Messe weltweit, wie wir in einer offiziellen Pressemitteilung lesen können.1 Die diesjährige Messe stand unter dem Motto „Vielfalt gewinnt“. Perfektes Timing, dachte ich mir, die Branche weist damit indirekt selber auf ein klaffendes Loch in ihrem Inneren hin. Nun ja, ganz so progressiv lief es dann aber wohl doch nicht, wenn man einigen Stimmen in den Medien glaubt. In der erwähnten Pressemitteilung der Gamescom wird zwar die kulturelle und internationale Diversität bezeugt, auf Geschlechter basierte Vielfalt wird jedoch mit keinem Wort Bezug genommen. Der Artikel von Nicolas Freund in der Süddeutschen Zeitung bietet einen guten Anfang und eine Übersicht über das Thema Geschlecht und Gamescom.2 Er beginnt seinen Artikel mit einem für mich sehr wichtigen Thema, nämlich dem Sexismus der durch Gamer_innen an andere Gamer_innen herangetragen wird. Freund geht auf eine Aussage des Streamers Ninja ein, der öffentlich gesagt habe, er spiele nicht mehr mit Frauen. Ninjas Argument folgt sogleich, er würde sich damit vor dem Gossip schützen, er habe Affären mit seinen Mitspielerinnen. Bäm, das ist mal ne Aussage. Ninja reagiert somit nicht nur auf die Hater und Menschen, die diese Gerüchte in die Welt setzen in dem er ihnen brav Folge leistet, er schafft es auch, mit einem Satz so ziemlich allen weiblichen Gamerinnen zu unterstellen, das Online-Games für sie eine Art Partnerbörse wäre. Darin spiegelt sich eine sehr verbreitete Art von Sexismus wieder, nämlich Frauen zu unterstellen, sie würden dies oder jenes nur machen, um etwas zu bekommen, beinah schon zu erschleichen. Mir kommt dabei das Bild der männerfangenden Sexbombe in den Sinn, die ihren Körper nutzt, um den Mann in die Ehe zu zwingen, mit dem einzigen Lebenssinn Tag ein, Tag aus zu nörgeln, während sie von jetzt auf gleich zur altbackenen Hausmutti wird. Ninjas Weg mit solchen Vorwürfen umzugehen, lässt mich also nur den Kopf schütteln. Ob er nun bewusst seiner Aussage diese frauenfeindliche Konnotation gegeben hat oder er nur Prinzipien von Sexismus wiedergibt, spielt für mich keine wirklich große Rolle. Man sollte seine Aussagen auch hinterfragen, wenn man nicht die Absicht hatte, jemandem zu schaden, denn häufig bemerkt man Kränkungen oder Unterstellungen selber kaum, wenn sie nicht in die eigene Erfahrungswelt hineinreichen. Nicolas Freund bezieht sich im Verlauf seines Artikels auf die Kölner Wissenschaftlerin Nina Kiel, die sich schon länger mit Sexismus in Games beschäftige. Kiel weise vor allem auf den Sexismus in Online-Games hin, da dort eine indirekte aber persönliche Kommunikation stattfinde, welche den Sexismus und Bedrohungen, ebenso wie in den soziale Medien anzutreffen, weitertrage. Dass die not-face-to-face Kommunikation über Onlineplattformen Sexismus sichtbarer und vielleicht auch extremer gemacht hat, ist mir und Euch sicherlich auch aufgefallen. Ich denke, dass wir Nina Kiel ebenso wie die von Freund erwähnte Anita Sarkeesian hier noch einmal über den Weg laufen werden.

Auf der zweiten Seite des Artikels teilt Freund meiner Meinung nach etwas von oben herab aus, wenn er das Game Battlefield V als Beispiel heranzieht. Seiner Meinung nach mache das Spiel den Zweiten Weltkrieg zum „harmlose[n] Abenteuerspielplatz”.3 Ich habe persönlich auch nicht all zu viele Shooter in meiner Sammlung, die in realistischen Kriegsszenarien angesiedelt sind, dennoch denke ich, dass Games ebenso wie Filmen eine künstlerische Freiheit zugesagt werden muss. Und damit kommen wir zu Freunds Argumentation für und gegen Battlefield. Im neuen Teil werde neben männlichen Charakteren auch ein weiblicher zur Verfügung stehen und Freund sieht darin eine Parallele zu den Vorbestellungen, die geringer ausfallen würden als erwartet. Er vermutet also, dass die Spieler_innen keinen weiblichen Charakter akzeptieren würden. Da er diesen Gedanken jedoch nicht untermauert, wäre ich damit erst einmal ein bisschen vorsichtig. Laut Kiel seien diejenigen, die weibliche Heldinnen ablehnen nämlich in der Minderheit. Andreas Bertits schließt auf der Website mein-mmo.de eher auf das sogenannte „Release-Sandwich“.4 Das bedeute, dass sich das Release-Datum mit denen anderer großer Spiele überschneide, in diesem Fall Call of Duty Black Ops 4 und Red Dead Redemption 2.

Die Kurve kriegt Freund dann jedoch wieder, als er Nina Kiel zitiert, die als Grund für den Sexismus und die Frauenfeindlichkeit in der Szene die Branche selbst verantwortlich mache.5 Sie sehe den Ausgangspunkt darin, das Frauen in den 80er Jahren nicht in den Kreis der Rezipienten eingeschlossen, ja sogar bewusst ausgeschlossen wurden. Abschließen tut Freund seinen Artikel mit einem Verweis auf den Messestand von Blizzard, die sowohl in ihrem Spiel World of Warcraft als auch im Real Life, nämlich am Stand auf der Gamescom, mit ethnischer und geschlechtlicher Vielfalt arbeiten. Aber auch Blizzard bekäme das Problem mit den Hatern nicht in den Griff, so wie es eigentlich kaum jemand im Internet hinbekommt.

Der nächste Artikel, der mir bei meiner Recherche aufgefallen ist, stammt aus der Onlineversion der Zeitung Neues Deutschland, eine Zeitung die sich im politischen Rahmen links befindet und sich selbst vor allem als sozialistisch bezeichnet. Lee Wiegand schreibt in seinem Artikel von sexuellen Übergriffen auf der Gamescom und dem dahinterstehenden strukturellen Sexismus.6 Gut, struktureller Sexismus ist nicht nur ein Merkmal der Gaming-Branche, denken wir nur mal schnell zurück an #metoo. Und auch die Tatsache, dass Massenveranstaltungen häufig genutzt werden, um aus der Anonymität der Masse heraus sexuelle Übergriffe zu begehen, ist leider nix neues. Interessant finde ich jedoch, dass Wiegand hervorhebt, dass sich auch die öffentlichen Vertreter der Branche, wie zum Beispiel Let’s Player, teilweise mit dieser Lebenshaltung schmücken würden. Die Gamescom achte laut Wiegand nicht genug darauf, wie mit ihren weiblichen Besucherinnen umgegangen wird, obwohl diese schließlich Kundenstatus tragen und den Ausstellern eine Menge Geld bringen. Interessant finde ich außerdem, dass Wiegand auf den, nun ja, sagen wir mal Hashtag-Krieg hinweist, den man oft antrifft, wenn man sich online mit Sexismus auseinandersetzt. Im Falle der Gamescom 2018 sei es der Hashtag #menaretrash gewesen, durch den Frauen ihre negativen Erfahrungen mit Männlichkeit im virtuellen Leben teilten. Wie so oft habe es schnelle und unangenehm brutale Antworten gegeben und Wiegand unterstreicht diese Aussage mit seinen persönlichen Erfahrungen, die er mit den von ihm befragten männlichen Besuchern auf der Messe gesammelt hat, die das Thema Sexismus oder Awareness als „[…] Hetzbeitrag über Gamer“7 auffassen würden.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, neben eher vorhersehbaren Beiträgen wie „Ist E-Sport echter Sport?”8, in einem Video über die stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der deutschen Games-Branche Linda Kruse.9 In anderthalb Minuten wird darin über Frauen in der Spieleentwicklung von Frau Kruse berichtet. Sie äußert sich in diesem Interview dazu, dass Frauen bereits ein Viertel der Jobbranche ausmachen und sie eine Steigerung in den nächsten Jahren erwarte. Außerdem spricht sie über den Lehrwert von Spielen und die Bedeutung von Games. Frau Kruse, ab heute bin ich Fan <3.

Der in Bonn situierte General-Anzeiger bietet uns einen luftig leichten Artikel über Frauen auf und hinter der Gamescom an. Nadine Kleese berichtet in ihrem Artikel von drei Frauen, die Spiele spielen, sowohl privat als auch im E-Sport Rahmen, bzw. Spiele entwickeln.10 Doch auch hier wird von Sexismus und Ausgrenzung berichtet, wenn Frauen beispielsweise Charaktere wählen, die nicht den weiblichen Klischees entsprechen würden. Gott schütze uns, vor nicht eindeutig erkennbarer Geschlechterzugehörigkeit in der virtuellen Welt… Egal, weiter zum Artikel: Eine der drei Frauen berichte von dem Fehlen von Frauen in den höheren Ligen der E-Sport Wettkämpfe und auch die beruflichen Chancen für Frauen, die auch mal außerhalb des Informatikfeldes liegen können, werden lobenswerterweise erwähnt.

Auf der Website des Deutschlandfunk Nova habe ich einen tollen Artikel gefunden, der den Inhalt des Podcasts „Hielscher oder Haase“ vom 23. August wiedergibt.11 Der Podcast ist ebenfalls auf der Seite zu finden. Dort berichtet Thomas Ruscher kurz, welche Spiele ihn auf der Gamescom dieses Jahr beeindruckt haben. Außerdem berichtet er davon, dass auf der Gamescom 2018 vermehrt weibliche Hauptcharaktere zu finden seien und dass der Trend der Spieleentwicklung weiterhin diesem Weg folgen wolle. Seine Empfehlungen werde ich mir sehr zu Herzen nehmen und besonders Horizon Zero Dawn meine Aufmerksamkeit schenken. Aber auch der kleine Seitenhieb auf Lara Croft wird hier noch zum Tragen kommen.

Zum Schluss möchte ich Euch noch einen Artikel ans Herz legen, der bereits 2016 gepublished wurde und mit einem Augenzwinkern zu genießen ist. Geschrieben hat ihn Lisa Ludwig für Broadly (Vice).

Damit verabschiede ich mich von Euch, der Gamescom und dem Tag.

See ya!

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1 Vgl.: Gamescom (2018): Spektakuläre Neuheiten zum 10-jährigen Jubiläum, http://www.gamescom.de/news/content-fuer-medienvertreter/presseinformationen-der-gamescom/presseinformationen-der-gamescom.php?aktion=pfach&p1id=kmpresse_gamescom_d&format=html&base=&tp=kme9&search=&pmid=kmeigen.kmpresse_0480_2018pm23_d&start=0&anzahl=10&channel=kmeigen&language=d&archiv= (letzter Aufruf: 27.08.2018).

2 Vgl.: Freund, Nicolas (2018): Gamescom. Die Games-Branche hat ein Sexismus-Problem, https://www.sueddeutsche.de/digital/gamescom-die-games-branche-hat-immer-noch-ein-problem-mit-sexismus-1.4101862 (letzter Aufruf: 27.08.2018).

3 Vgl.: Ebd.

4 Vgl.: Bertits, Andreas (2018): Battlefield 5 schwächelt im Vorverkauf – Droht das Titanfall-2-Schicksal?, https://mein-mmo.de/battlefield-5-schwaechelt-im-vorverkauf-droht-das-titanfall-2-schicksal (letzter Aufruf: 27.08.2018).

5 Vgl.: Freund, Nicolas (2018): Gamescom. Die Games-Branche hat ein Sexismus-Problem, https://www.sueddeutsche.de/digital/gamescom-die-games-branche-hat-immer-noch-ein-problem-mit-sexismus-1.4101862 (letzter Aufruf: 27.08.2018).

6 Vgl.: Wiegand, Lee (2018): Hand am Arsch, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1098378.gamescom-hand-am-arsch.html (letzter Aufruf: 27.08.2018).

7 Ebd.

8 Vgl.: Hoffmann, Florian (2018): Pro und Contra: Ist E-Sport echter Sport, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/pro-und-contra-ist-e-sport-echter-sport-15752491.html (letzter Aufruf: 27.08.2018).

9 Vgl.: Benrath, Bastain: Ist Spieleentwicklung Männersache?, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gamescom-2018-ist-spieleentwicklung-maennersache-15752463.html (letzter Aufruf: 27.08.2018).

10 Vgl.: Kleese, Nadine (2018): So zocken Frauen auf der Gamescom in Köln, http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/wirtschaft/ueberregional/So-zocken-Frauen-auf-der-Gamescom-in-K%C3%B6ln-article3925401.html (letzter Aufruf: 27.08.2018).

11 Vgl.: Reuscher, Thomas: Zeit für starke Frauen, in: Hielscher oder Haase, https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/gamescom-2018-zeit-fuer-starke-frauen (letzter Aufruf: 27.08.2018).